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Der Lieferant ist kein Multiple-Choice-Test
| | Geschätzte Lesezeit 7 Minuten

Der Lieferant ist kein Multi­ple-Choice­-Test

Warum Sie nicht nur Ihre Verhandlungsstrategie vorbereiten, sondern das Gespräch selbst trainieren sollten

Die Kostenanalyse liegt vor, der Zielpreis ist abgestimmt, die Argumentation steht. Eigentlich kann es losgehen. Dann sagt der Lieferant: „Wir verlieren mit diesem Geschäft bereits Geld. Unter fünf Prozent Preiserhöhung geht gar nichts."

Dieser Satz stand nicht in Ihrem Verhandlungsplan. Und jetzt? Vielleicht fragen Sie nach den Kostentreibern. Vielleicht wiederholen Sie Ihre Argumente etwas lauter. Vielleicht wird die Stimmung ungemütlich und der Kollege aus der Technik schlägt hilfsbereit vor, man könne sich ja irgendwo in der Mitte treffen.

Aus einer gut vorbereiteten Strategie ist innerhalb von zwei Minuten eine spontane Reaktion geworden. Genau das ist der blinde Fleck: Wir bereiten im Einkauf sehr gründlich vor, was wir erreichen wollen. Wir trainieren viel zu selten, wie wir reagieren, wenn das Gespräch nicht nach Plan läuft.

 

Immer dieselben sechs Spielzüge

Das Unangenehme daran ist ja nicht, dass Lieferanten überraschend wären. Die Situation wechselt, das Muster bleibt:

  • Der Lieferant erklärt seine Forderung für alternativlos.
  • Er verweist auf gestiegene Kosten, ohne sie nachvollziehbar aufzuschlüsseln.
  • Er droht mit Lieferstopp oder Kapazitätsverlagerung.
  • Er umgeht den Einkauf und eskaliert direkt zur Geschäftsführung.
  • Er macht ein kleines Zugeständnis und erwartet dafür sofort den Abschluss.
  • Ihr eigener Stakeholder unterstützt plötzlich seine Position.

Sechs Spielzüge, die jeder Einkäufer kennt. Und trotzdem trifft uns der dritte davon in der realen Verhandlung erstaunlich oft unvorbereitet.

Gute Verhandler auf dem Papier

Die meisten erfahrenen Einkäufer beherrschen die Grundlagen. Sie wissen, dass Behauptungen hinterfragt gehören. Sie wissen, dass ein Zugeständnis eine Gegenleistung braucht. Sie kennen Zielposition, Schmerzgrenze und hoffentlich auch die Alternative zur Einigung. Nur hilft dieses Wissen ausschließlich dann, wenn es im Gespräch noch abrufbar ist.

Eine Verhandlung ist eben kein Multiple-Choice-Test, bei dem Sie in Ruhe zwischen vier Antworten wählen. Ihr Gegenüber widerspricht, schweigt, stellt eine unerwartete Gegenfrage. Gleichzeitig sitzen Technik, Projektleitung oder Geschäftsführung mit am Tisch und verfolgen ihre eigenen Interessen. Ein guter Foliensatz hilft Ihnen an dieser Stelle auch nicht mehr. Es geht nicht mehr um Inhalte. Es geht um Verhalten.

Kein Trainer lässt den Spielzug erst im Pokalfinale üben

Mario Büsdorf, Verhandlungstrainer bei Durch Denken Vorne Consult, erklärt Verhandlungen gerne über Fußball. Der Vergleich trägt auch hier. Keine Mannschaft übt Standardsituationen ausschließlich am Whiteboard. Sie stellt sie auf dem Platz nach, wieder und wieder, bis der Ablauf sitzt und niemand mehr überlegen muss, wer wohin läuft. Piloten machen es im Simulator genauso. Der Triebwerksausfall wird nicht in der Luft zum ersten Mal geübt.

In Verhandlungen halten wir es häufig leider anders. Dort wird das eigentliche Gespräch häufig erst dann geübt, wenn der reale Lieferant bereits gegenübersitzt. Danach eine kurze Nachbesprechung, dann geht es weiter im Tagesgeschäft, und die nächste vergleichbare Situation kommt vielleicht in acht Monaten. So entstehen schlicht zu wenige Wiederholungen, um Routine aufzubauen.

KI liefert Argumente. Das ist noch kein Training.

Mit ChatGPT oder Copilot kann heute praktisch jeder Einkäufer eine Verhandlung deutlich besser vorbereiten als noch vor drei Jahren. Argumente strukturieren, Einwände antizipieren, Informationslücken aufdecken, die Perspektive des Lieferanten einnehmen. Das ist ein echter Qualitätssprung in der Vorbereitung, und wer es noch nicht nutzt, verschenkt etwas. Aber auch die beste vorbereitete Antwort bleibt zunächst Text auf einem Bildschirm.

Zwischen dem Lesen einer guten Formulierung und dem spontanen Aussprechen im richtigen Moment liegt ein erheblicher Unterschied. Beim Tippen können Sie überlegen, umformulieren, neu ansetzen. Im gesprochenen Gespräch müssen Sie zuhören, einordnen und sofort reagieren. Erst dabei werden Gewohnheiten sichtbar, die jede schriftliche Übung verbirgt:

  • Reden Sie zu viel, sobald eine Pause entsteht?
  • Weichen Sie einer klaren Position aus?
  • Übernehmen Sie unbemerkt die Argumentation des Lieferanten?
  • Bewegen Sie sich schon nach dem ersten Widerstand?
  • Das steht in keiner Checkliste. Das erfahren Sie nur, indem Sie die Situation erleben.

Nicht auswendig lernen, sondern durchspielen

Bei einer Verhandlungssimulation geht es nicht darum, für jeden möglichen Satz des Lieferanten die perfekte Antwort bereitzuhalten. Das wäre weder realistisch noch sinnvoll.

Es geht darum, Reaktionen auszuprobieren und Muster schneller zu erkennen. Sie sollen keinen Text aufsagen. Sie sollen handlungsfähig bleiben, wenn das Gegenüber anders reagiert als gedacht.

Vier Schritte gehören dazu:

1. Realistischen Fall wählen. Nah an einer echten Verhandlung: Preiserhöhung, Vertragsverlängerung, Lieferengpass, schwer austauschbarer Lieferant.

2. Das Gespräch tatsächlich führen. Nicht lesen, nicht tippen. Position laut vertreten und auf die Reaktion eingehen.

3. Konkret auswerten. „Das war ganz gut" hilft niemandem. Interessant sind die Momente: Wo wurde eine Behauptung ungeprüft übernommen? Wann wurde zu früh nachgegeben? Welche Frage hat das Gespräch geöffnet?

4. Noch einmal durchspielen. Der Lerneffekt entsteht nicht im ersten Durchlauf, sondern in der Wiederholung. Andere Formulierung, andere Reaktion des Gegenübers, andere Schwachstelle.

Der Fehler liegt nicht im Training, sondern in den elf Monaten danach

Simulationen werden meist nur mit den ganz großen Verhandlungen verbunden. Das greift zu kurz. Auch die unspektakulären Lieferantengespräche enthalten trainierbare Situationen: die nicht nachvollziehbare Preisanpassung, die Vertragsklausel, die verspätete Lieferung, der Lieferant, der einer klaren Frage ausweicht.

Ein gutes Verhandlungstraining liefert Ihnen Methode, Struktur und den geschützten Raum, um Verhalten überhaupt erst sichtbar zu machen. Das ist die Voraussetzung. Nur verblasst dieser Effekt, wenn zwischen zwei Trainingstagen zwölf Monate ohne einzige Wiederholung liegen.

Verhandlungskompetenz entsteht aus Vorbereitung, Anwendung, Reflexion und Wiederholung. Vor allem aus Wiederholung.

 

Warum ich Voice2Evolve gegründet habe

Genau für diese Lücke habe ich Voice2Evolve entwickelt: Einkäufer simulieren Verhandlungen mit einem KI-basierten Gesprächspartner, der nicht einfach zustimmt, sondern Druck aufbaut, ausweicht und ihre Argumentation verändert. Ausgewertet wird nicht nur das Ergebnis, sondern der Weg dorthin.

Das ersetzt weder eine gründliche Vorbereitung noch ein gutes Training. Es füllt den Raum dazwischen. Denn die teuerste Stelle einer Verhandlung ist ein schlechter Moment im echten Gespräch. Diesen Moment sollten Sie nicht zum ersten Mal erleben, wenn der Lieferant bereits am Tisch sitzt.

Autor

Matthias Osmaston

ist Gründer von Voice2Evolve und arbeitet selbst im strategischen Einkauf. Mit Voice2Evolve entwickelt er eine sprachbasierte Plattform, mit der Einkaufsteams realistische Lieferantenverhandlungen simulieren, analysieren und wiederholen können.

Auf dem YouTube-Kanal von Voice2Evolve finden Sie vollständige Verhandlungssimulationen und kurze Einblicke in die Analyse der Gespräche.

 

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