Der Einkauf ist schuld
Wenn man sich die Vorträge bei den ganzen Einkaufsevents anschaut, würde man annehmen, dass der Einkauf sich endlich vom Mauerblümchen zum GOAT weiterentwickelt hat. Dass die Unternehmen ohne die Kollegen aus der Beschaffung nicht überleben würden und die angrenzenden Fachabteilungen sie als Partner auf Augenhöhe sehen. Wenn ich aber mit diesen angrenzenden Fachabteilungen spreche, bekomme ich oft Feedback wie z.B.:
- „Mit dem Einkauf dauert alles viel zu lange!“
- „Der Einkauf hat keine Ahnung von den Bedarfen!“
- „Der Einkauf schaut nur auf Savings und ignoriert die Risiken!“
- „Der Einkauf ist wie ein Schaffner und kontrolliert uns zu Tode!“
- „Der Einkauf möchte überall eingebunden werden, bekommt aber noch nicht mal einfache Sachen wie die Pflege der ABs im System hin!“
Ich habe das Gefühl, dass der Einkauf immer noch versucht, seine Geschwindigkeit in seinem Hamsterrad zu erhöhen, anstatt mit den anderen Tieren im Unternehmenszoo zusammen zu arbeiten.
Um es auf den Punkt zu bringen: Die Reputation des Einkaufs ist in vielen Unternehmen schlecht und solange dies der Fall ist, wird der Einkauf niemals erfolgreich agieren können. Denn um nach außen hin stark zu sein, muss der Einkauf zunächst innerhalb der Firma stark sein. Mein Tipp dafür: Steigt also raus aus dem Hamsterrad sowie Opferrolle und fangt an, den Einkauf zu stärken indem ihr
- Einkaufsziele und -strategien auf Basis der Unternehmensziele definiert,
- den Fokus auf strategische Themen anstatt Feuerlöschen legt,
- den Fachabteilungen aktiv zuhört, damit ihr dessen Erwartungen versteht,
- ein professionelles Warengruppenmanagement einführt,
- auch mal „Nein“ sagt, anstatt es jedem recht zu machen,
- eure Lieferantenstruktur diversifiziert, um Lieferrisiken zu reduzieren,
- auf Basis der zukünftigen Anforderungen einen Entwicklungsplan für alle Mitarbeiter/innen erstellt und umsetzt – und dafür auch genug Budget plant (Mein Tipp zur Bestimmung der richtigen Höhe: mindestens 5% der Kostenstellenkosten oder 0,1% des Einkaufsvolumens),
- gemeinsame Kennzahlen mit Vertrieb, Technik und Produktion einführt (z.B. Reduktion der direkten Material- und Personalkosten),
- das Thema Einführung einer S&OP selbst in die Hand nimmt (ansonsten macht es keiner),
- KI nutzt, um den Aufwand für operative Tätigkeiten zu reduzieren.
Unterschätzt das Thema Reputation nicht und arbeitet an einer Verbesserung, denn dies führt i.d.R. nicht nur zu höheren Budgets für Weiterbildung und Digitalisierung, sondern hilft auch dabei, dass ihr endlich bei wichtigen strategischen Entscheidungen eingebunden werdet. Und ein schöner Nebeneffekt ist, dass der Einkauf dann plötzlich nicht mehr für alles „schuld“ ist.